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Schwierigkeiten mit der Wahrheit II


By Geier - Posted on 05 Oktober 2009

6. Oktober 2009

Sarrazin im Haifischbecken?

 

 

Einmal mehr sind in der öffentlichen Wahrnehmung nicht diejenigen die Bösen, die sich danebenbenehmen, sondern derjenige, der darauf aufmerksam macht. Ich rede gerade vom ehemaligen Berliner Finanzsenator, dem Bundesbank-Vorstand Thilo Sarrazin, der in einem Interview »68er-Tradition und Westberliner Schlampfaktor« auf’s Korn genommen hat sowie bemerkt, daß es Migranten gibt, die sich der Integration verweigern — und daß dies eben zum Beispiel überwiegend nicht die Vietnamesen sind, sondern hauptsächlich Araber und Türken. Kaum spricht er ein paar unbequeme Wahrheiten aus, stürzt sich die ganze Meute auf ihn und fordert Rücktritt, Parteiausschluß, ja selbst der Staatsanwalt fühlt sich bemüßigt, wegen »Volksverhetzung« zu ermitteln.
Daß Bundesbankpräsident Weber die Sache dankbar aufgreift, ist menschlich verständlich, schließlich gibt ihm das die Gelegenheit, von den verzockten ca. 5 Milliarden € abzulenken, für die er verantwortlich ist. Es könnten auch über 10 Milliarden sein, das hängt davon ab, wieviel die Gläubiger aus der Lehmann-Konkursmasse langfristig noch herausbekommen. Da kommt es ihm durchaus zupaß, daß die Öffentlichkeit im Moment beim Stichwort »Bundesbank« zuerst an Sarrazin denkt und nicht an Webers riesige Verluste zulasten der Bundesbürger. Redlich ist das trotzdem nicht.

Und es ist nicht nur unredlich, es ist beängstigend. Denn wenn das Strafrecht bemüht wird, um zu verhindern, daß Themen angeschnitten werden, die einer dringenden öffentlichen Diskussion bedürfen, dann sind wir wieder im Meinungsklima der DDR angekommen, wenn nicht gar in historisch noch weiter zurückliegender Zeit.

Am bedenklichsten ist, daß die Tendenz, Unruhestifter um des lieben Friedens willen auszubremsen, auch unter Christen weit verbreitet ist, wie sich immer wieder beobachten läßt. Das kommt von einem unbiblischen, einem humanistischen Verständnis von Liebe und Frieden, das Zurechtweisung und Korrektur beinahe unmöglich macht. Von Jesus haben wir diese Konfliktscheu jedenfalls nicht gelernt, der schließlich gesagt hat:

Ich kam, um Feuer auf das Erdland zu werfen, und was will ich anderes, als wenn es doch schon angezündet würde!
(Lk. 12, 49)

Das steht zwar geschrieben, zusammen mit Exempeln, die zeigen, daß Jesus das durchaus auch ernstgemeint hat — zum Beispiel, wie er die Händler aus dem Tempel gepeitscht hat — gelehrt wird über solche Stellen aber eher ungern, da redet man doch lieber über nettere Geschichten wie die von der verhinderten Steinigung der Ehebrecherin, (von der freilich dringend anzunehmen ist, daß sie gar nicht zum neutestamentlichen Kanon gehört, da sie in den älteren Handschriften fehlt, also offensichtlich später hinzugefügt wurde).

Wie kam ich hierauf? Ach ja, der Sarrazin. Der geschätzte Volker Zastrow formuliert zu dessen Fall die sehr berechtigte Frage: »… kann man überhaupt Unwillkommenes aussprechen, ohne zu verletzen?« (Ich möchte auf diese Fragestellung in einer späteren Geiernotiz noch zurückkommen.) Und der ehemalige BDI-Präsident Hans-Olaf Henkel rückt in einem sehr hörenswerten Interview mit dem Deutschlandfunk die Dinge zurecht: Wer Denk- und Redeverbote durchsetzt, verhindert die Lösung dringender Probleme.

 

Man könnte es auch mit George Orwell ausdrücken:

Falls Freiheit überhaupt etwas bedeutet, dann bedeutet sie das Recht darauf, den Leuten das zu sagen, was sie nicht hören wollen.

  

 

Nachtrag 8. 10.: Auch lesenswert zum Thema: Berthold Kohler in der F.A.Z.

Nachtrag 12. 10.: Michael Wolffsohn zum Thema im Tagesspiegel

 

 

 Photo: © Geier

 

 

Rückblick 1. Lesertreffen

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