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Klüger als Gott


By Geier - Posted on 16 Mai 2010

16. Mai 2010

 

Und Gott gab Salomo Weisheit und sehr große Einsicht, und Weite des Herzens, wie der Sand, der am Ufer des Meeres ist.
Und die Weisheit Salomos war größer als die Weisheit aller Söhne des Ostens und als alle Weisheit Ägyptens.
Und er war weiser als alle Menschen, als Ethan, der Esrachiter, und Heman und Kalkol und Darda, die Söhne Machols. Und sein Name war unter allen Nationen ringsum.
Und er redete dreitausend Sprüche, und seiner Lieder waren tausendundfünf.
Und er redete über die Bäume, von der Zeder, die auf dem Libanon ist, bis zum Ysop, der an der Mauer herauswächst; und er redete über das Vieh und über die Vögel und über das Gewürm und über die Fische.
Und man kam aus allen Völkern, um die Weisheit Salomos zu hören, von allen Königen der Erde her, die von seiner Weisheit gehört hatten. (1. Kön. 4, 29ff)

Ja, so war das damals. Das war freilich lange vor Frau Käßmann. Denn die ist absolut überzeugt, klüger als Salomo zu sein. Wenn dieser z. B. sagt:

Wer seine Rute spart, haßt seinen Sohn, aber wer ihn lieb hat, sucht ihn früh heim mit Züchtigung. (Spr. 13, 24)

so fühlt sich Frau Käßmann berufen, ihm über den Mund zu fahren. Auf dem Ökumenischen Kirchentag in München, wo sie unter tosendem Beifall ihr Comeback als evangelische Popikone celebrierte, verbreitet sie sich darüber, daß Kinder nicht zum »Objekt von Erziehung oder gar Mißbrauch« werden dürften und körperliche Bestrafung in der Erziehung absolut inakzeptabel sei. Das ist zwar etwas verwirrend, denn wenn Kinder gar nicht zum »Objekt von Erziehung« werden dürfen, stellt sich die Frage nach der Angemessenheit von Erziehungsmethoden ja eigentlich gar nicht mehr. Aber Frau Käßmann wird sich schon nichts dabei gedacht haben.

Dabei hatte die Dame in ihrer Biographie mit Scheidung, Krebserkrankung und Ampelaffaire doch wahrlich genug Anlässe, einmal innezuhalten, zurückzuschalten und das anzustreben, was die Bibel mit dem fürchterlich unmodernen Wort »Demut« beschreibt. Aber wer Erziehung in einem Atemzug mit Mißbrauch nennt und damit zum Ausdruck bringt, daß Erziehung von Kindern etwas ganz obszönes, strafwürdiges sein müsse, will sich mit Sicherheit auch selbst nicht erziehen lassen — auch (oder gerade) von Gott nicht. Hatte sie schon früher deutlich gemacht, was sie von solchen Fundamentalisten wie Jesus und Paulos hält, so demonstrierte sie in München erneut, daß sie diese mit ihrer eigenen Weisheit weit hinter sich zurückgelassen zu haben meint. Wenn Paulos sagt:

Ich will aber, daß ihr wisset, daß der Christus das Haupt eines jeden Mannes ist, des Weibes Haupt aber der Mann, des Christus Haupt aber Gott. (1. Kor. 11, 3) 

so ist im Gegensatz dazu das »Christentum« Käßmannscher Art ein Ort, »an dem es keine Hierarchie gibt zwischen Männern und Frauen, ein Ort, an dem Menschen, die gleichgeschlechtlich lieben, angstfrei leben können«. Das ist wiederum nicht ganz stringent, denn während Homosexuellenactivisten ihren eigenen Aussagen zufolge die Homosexualisierung der Gesellschaft nur als Etappenziel und als Mittel zur Entkriminalisierung der Pädophilie betrachten, will Frau Käßmann in ihrer unausforschlichen Weisheit beides: Kindesmißbrauch bannen und Homosexualität fördern.

Aber natürlich ist sie nicht nur klüger als Salomo und Paulos, auch Gott muß sich von ihr korrigieren lassen. Wenn geschrieben steht:

»Und Gott segnete sie, und Gott sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde …« (1. M. 1. 28)

so feiert Frau Käßmann die »Anti-Baby-Pille« als »Geschenk Gottes«, das »Liebe ohne Angst« ermögliche. Nicht Segen, sondern Angst ist es also, was Frau Käßmann mit der Aussicht auf Kinder verbindet. Liebe ohne Angst? Nur Wassertrinken ohne Angst geht dann halt nicht mehr, da die Hormonrückstände der Pille, die in den Wasserkreislauf gelangen, nicht nur bei männlichen Forellen zur Ausbildung weiblicher Geschlechtsmerkmale führen, sondern auch die männliche Fortpflanzungsfähigkeit beim Menschen beeinträchtigen. Eigentlich müßte der Urin von Frauen, die die »Pille« schlucken, getrennt gesammelt und als Sondermüll entsorgt werden. Wir reden von einem hochwirksamen Hormonpräparat, dessen Einnahme für jede fünftausendste Frau tödlich endet — z. B. durch Schlaganfälle oder Herzinfarkte aufgrund von Gefäßveränderungen — und das von Gynäkologinnen zwar bereitwillig verschrieben, aber seiner Gefährlichkeit wegen kaum selbst genutzt wird. Alles in allem ein ziemlich eigentümliches »Geschenk Gottes« also. Freilich bedient Frau Käßmann mit ihren Bemerkungen auch eine der großen Forderungen, die dieser Gesellschaft gerade das Genick brechen: Entkoppelung von Arbeit und Einkommen und Entkoppelung von Sexualität und Vermehrung.

Läßt sie es damit genug sein? Nein, solange noch irgendwo Stopschilder oder rote Ampeln in der Landschaft herumstehen, heizt sie weiterhin munter drüber. Auch für die Klimareligion mußte sie Werbung machen und sich zum Vaterunser auslassen, dessen Bitte »Unser täglich Brot gib uns heute« man ihrer Meinung nach »gar nicht anders als politisch verstehen« könne — gar nicht anders, also keinesfalls so, wie es in erster Linie gemeint ist, nämlich geistlich.

 

Man täte ihr freilich Unrecht, wenn man ihren pseudochristlichen Ausführungen irgendwelche Einzigartigkeit zubilligen würde. Sie stand damit ja mitten im Centrum dieses »Ökumenischen Kirchentages«. Während es z. B. nicht eine einzige Veranstaltung zum Thema Abtreibung gab, fanden buchstäblich Dutzende Veranstaltungen von kirchlichen Homosexuelleninitiativen statt, vom »Treffen schwullesbischer Pfarrkonvente« über »Wie Lesben ihre eigene Kirchengeschichte schreiben« oder »Samstag ist ein guter Tag zum Schwulsein« und »Alternative Lebensformen jenseits von Familie« bis hin zu einer »Vigil für die Opfer der Homophobie« und vielen, vielen anderen. Der katholische Pfarrer Brinkschröder geißelte Homophobie (also Ablehnung homosexueller Praktiken) als »strukturelle Sünde« [sic!] und sagte: »Christliche Homophobie ist in vielen Bereichen der Welt zu einem zentralen Problem … geworden« — ganz so, als seien es christliche Fundamentalisten, die ständig Homosexuelle an Baukränen aufhängten oder steinigten. Sehr beeindruckend, auf diesem Wege also endlich einmal zu erfahren, was die wirklich zentralen Probleme dieser Welt sind, denn in meiner fundamentalistischen Verstocktheit wäre ich beim Bibel- oder Zeitungsstudium ja auf alles mögliche gekommen, nur nicht auf »christliche Homophobie«. Die Tatsache, daß es Bibelstellen gebe, in denen es um ganz andere Themen als Homosexualität gehe, solle laut Brinkschröder genutzt werden, sich »aus schwuler Sicht … diese Textstellen an[zu]eignen, um in der Diskussion deutlich machen zu können, daß es in der Bibel nicht nur homosexuellenfeindliche Stellen gebe.« Aha. Ja und? Es gibt zum Beispiel auch eine Menge Bibelstellen, die nicht Mord zum Thema haben, woraus man dann folgerichtig ableiten kann, daß es nicht nur mordfeindliche Bibelstellen gibt und Bibelstellen, wo Diebstahl nicht thematisiert wird, was zeigt, daß es nicht nur diebstahlsfeindliche Bibelstellen gibt. Dürfen wir deshalb zu Mördern und Dieben werden? Es gibt schon sehr eigenwillige theologische Herangehensweisen, wenn jemand seine Privatmeinung nachträglich biblisch »herleiten« will.

Währenddessen erklärten der Bischof der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck, Prof. Martin Hein (Kassel), und die Islamwissenschaftlerin Ayse Basol-Gürdal (Frankfurt am Main), in einer »Dialogbibelarbeit«, daß Christen und Muslime zum selben Gott beten würden. Es ist zwar nicht ganz klar, wie man das aus der Bibel herleiten will, die ja bereits abgeschlossen war, als der Kult um Al-Ilah modern wurde, aber vielleicht hat Hein ja die Bibel mit Lessings »Nathan« verwechselt. So etwas kann schon mal vorkommen.

Jedenfalls paßt das ganz hervorragend zur offiziellen Kirchentagshymne von den »Wise Guys«, die direkt von den Teletubbies inspiriert zu sein scheint:

Damit ihr Hoffnung habt,
damit ihr Hoffnung habt.
Feiert, lacht und singt,
damit ihr Hoffnung habt.
Damit ihr Hoffnung habt,
damit ihr Hoffnung habt
und dass die Sonne scheint für jeden,
der im Dunkeln tappt.

Oder ist es doch bei den Jungpionieren abgeschrieben? Es mag dahinstehen, ob das nun unbedingt ein Zeugnis für die Weisheit dieser »Wise Guys« ist, jedenfalls haben sie mit ihrer ein-bißchen-Frieden-Anmutung den Geist dieses Kirchentages perfekt getroffen.

Gab es denn auf dieser ganzen Veranstaltung nirgends einen geistlichen Lichtblick? Na ja, es gab wenigstens eine Gegendemonstration der Atheistenverbände, die zwar einerseits furchtbar obszön war, aber andererseits wenigstens mal eine Forderung erhoben hat, der man sich auch als Christ vorbehaltlos anschließen kann: Die nach der konsequenten Trennung von Kirche und Staat.

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